„Licht bringt die Menschen zum Staunen“—Die Lichtplanerin Gabriele Allendorf im Interview

  • Von Jesco Puluj
  • Veröffentlicht 28. Juli 2015
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Wir vom ArchitektenScout freuen uns sehr, die renommierte Lichtplanerin Gabriele Allendorf für ein Interview gewinnen zu können. Lichtplanung wird nach wie vor bei vielen Bauprojekten unterschätzt und wir beabsichtigen mit diesem Interview das Bewusstsein von sowohl Bauherren als auch Architekten in Bezug auf Lichtgestaltung zu schärfen. Frau Allendorf gibt uns einen detaillierten Einblick in den Beruf des Lichtplaners, in die Zusammenarbeit mit Bauherren und Architekten und erklärt, warum es wichtig ist, so früh wie möglich im Bauprozess an die Lichtgestaltung zu denken. 

Lichtplanerin Gabriele Allendorf

Lichtplanerin Gabriele Allendorf im Interview mit dem ArchitektenScout

Frau Allendorf, beschreiben Sie bitte kurz Ihren beruflichen Werdegang und wie Sie zum Beruf des Lichtplaners gekommen sind.

Ich habe an der Akademie der bildenden Künste Innenarchitektur studiert und schon während des Studiums angefangen, mich mit Licht zu beschäftigen und Leuchten zu bauen. Nach dem Studium fühlte ich mich angezogen von der Verschmelzung von Ton und Licht. Zusammen mit Komponisten und Musikern habe ich Lichtklang-Konzepte entwickelt und Bühnenbeleuchtung gemacht. Dann der Turnaround: ich bekam einen Auftrag von der HypoBank ein Konzept für den Vorstandsbereich zu entwickeln und bin sozusagen von „Nachtarbeit“ in die „Tagarbeit“ gegangen — sprich vom künstlerischen Arbeiten, der Auseinandersetzung mit Ton und Licht in den Bereich der Gebäude und Freiflächen. Arbeiten, Lernen, Freizeit gestalten, also alle anderen Bereiche des Lebens abdecken — das fand ich sehr spannend.

Was hat Ihnen denn an dieser Änderung so gefallen?

Wenn ich künstlerisch mit Licht agiere, Lichtklanginstallationen erdenke, dann kommt jemand zu mir, zahlt einen Eintritt und möchte unterhalten werden. Bei der „Tagarbeit“ kommt jemand zu mir und möchte einen Rahmen haben für seine Arbeit, für seine Kommunikation, für sein Wohlbefinden, das ihn dabei unterstützt, seine Arbeit optimal auszuführen und das finde ich ebenso spannend.

Wie kam es zu der Gründung Ihres Büros?

Ich habe das Büro vor 18 Jahren gegründet. Mit zunehmender Komplexität der Aufgaben sind wir zu einem Team heran gewachsen. Unsere Aufgabenreiche sind sehr vielfältig, vom Schwimmbad bis zur Kirche über Geschäftshäuser haben wir schon alles gestaltet. die Zusammensetzung des Teams ist unglaublich wichtig: wir sind alle von unserer Ausbildung her Architekten oder Innenarchitekten und haben uns dann in die Richtung Lichtplanung weiterentwickelt. Der berufliche Hintergrund der Architektur stellt ein gutes Fundament dar. Als Lichtplaner muss ich erst einen Raum erfassen und es ist eigentlich völlig egal ist, ob das ein Außen- oder Innenraum ist, also eine Landschaft, ein Atrium oder ein Raum in einem Gebäude.

Der Westend Palais in München, beleuchtet

Der Westend Palais in München. Ein Lichtkonzept von Gabriele Allendorf

Wie gehen Sie an die Aufgabenstellungen heran?

Wenn wir eine Aufgabe gestellt bekommen, ist diese immer mit einem Ort verknüpft, also schauen wir erst, was an diesem Ort passiert und was passiert ist. Gibt es da eine Geschichte? Wie ist die Stadtstruktur? Wie ist die städtebauliche Achse? Was hat der Ort für eine Historie? Wir stellen einfach viele Fragen: hat der Bauherr eine Philosophie? Was möchte er aussagen mit dem Bauwerk? Was möchte der Architekt mit seinem Gebäude darstellen und was ist die zukünftige Aufgabe für die Räume? Also sehr vielfältige Fragen und erst wenn wir das alles herausgefunden haben, beschäftigen wir uns mit dem Entwurf. Mit diesem Grundstock an Information verschwindet die Beliebigkeit. Das ist mir sehr wichtig, denn wir entwerfen ein Lichtkonzept für genau diesen Ort. Er hat wie jeder Mensch ein charakteristisches Profil, das es zu verstärken gilt.

Leider werden wir oft zu spät beauftragt—wenn die Schalpläne schon gezeichnet sind oder wenn schon gebaut wird. Im Interesse aller ist wichtig, dass wir ganz am Anfang schon die Pläne einsehen können und sagen können: Wo müssen Leerrohre gelegt werden und was muss in die Schaltpläne rein? Im Nachhinein wird es sehr teuer zu schlitzen und Kernbohrungen zumachen, um später die gewünschte Lichtwirkung innen und außen zu erzielen. Das kann man vermeiden, indem man sich gleich zu Beginn der Planungen zusammensetzt.

Was für einen Stellenwert hat der Beruf des Lichtplaners heute in der Bauwelt?

Vor 18 Jahren, als ich angefangen habe, haben sich die Leute gefragt, was ein Lichtplaner ist und macht — mittlerweile ist der Beruf des Lichtplaners allen geläufig; jedem Architekten und auch den Bauherren und seine Kompetenz wird geschätzt. Wenn man einen guten Lichtplaner hat, dann hat man einen kompetenten Ansprechpartner für eine identitätstreue, nachhaltige Lichtplanung. Überlässt man dies anderen Planern, sind die Räume zwar hell, das ist aber auch alles. Die Spannung, Inspiration und der rote Faden, die sich durch eine Lichtplanung in einem Gebäude ziehen, kann nur von jemandem kommen, der sowohl Räume visionieren kann, als auch die Technik kennt, die nötig ist, die Visionen zu realisieren.

Europäisches Patentamt München, Innenraum

Europäisches Patentamt München, Innenraum

Was für einen Stellenwert hat die Lichtplanung unter Architekten?

Manche Bauherren und Architekten unterschätzen immer noch den Einfluss von Licht. Dabei fängt Lichtplanung in dem Moment an, in dem ich eine Wand oder ein anderes Konstrukt der Sonne in den Weg stelle. Viele versäumen es, sich Gedanken darüber zu machen: Wie mache ich das? Wie groß sind die Öffnungen? In welche Himmelsrichtungen zeigen Fenster und Türen? Wie groß sind die? Wo will ich Licht reinlassen und in welcher Form – z.B. Licht – Schatten – Strukturen? Wo will ich Intimität haben?

Wichtig ist auch der Standort. Ist das Gebäude in Saudi Arabien, wo ich das Sonnenlicht aufgrund der Hitze in geringeren Dosen haben möchte oder ist es im eher kühleren Bayern, wo ich ein schönes Panorama genießen möchte und die Fassade in diese Richtung öffne.

Wie macht sich die Wichtigkeit von Lichtgestaltung bemerkbar?

Wir gehen in eine U-Bahn und sofort fühlen wir uns total unwohl, weil es einfach so flaches, gleichförmiges Licht ist, das DIN gerecht in den U-Bahnen und U-Bahnstationen vor sich hin scheint. Es ist nichts Punktuelles, nichts Aufweckendes, nichts Beruhigendes, sondern es scheint halt einfach so vor sich hin. Auf der anderen Seite ist in den letzten Jahren eine Gestaltungstrend zu spüren; es gibt schön gestaltete U-Bahnhöfe, U-Bahn Linien mit Themen und man kann es spüren und wahrnehmen an den Passanten wie viel besser sie sich fühlen in diesem gestalteten Ambiente. Es liegt uns daran, das Bewusstsein dafür wecken, was zum Wohlbefinden beiträgt. Viele Leute sagen, hier gefällt es mir, hier fühl ich mich wohl, aber sie können oft nicht sagen woran es liegt — oft liegt es am Licht. Ist das erst einmal im Bewusstsein verankert, kann an dieser Stelle weitergearbeitet werden.

Was ist die größte Herausforderung in Ihrem Beruf?

Die größte Herausforderung ist es Bauherren und Architekten das Phänomen Licht näher zu bringen. Deswegen machen wir aufwendige Präsentationen, bei denen wir im Raumbild den visionierten Eindruck darstellen. Wir gehen zu vergleichbaren Objekten und nehmen passende Leuchten mit, um die Lichtstimmungen vorzuführen, damit alle—Bauherr, Architekt und wir—ein sehr ähnliches Seherlebnis haben. Licht ist nicht so leicht zu greifen, da es flüchtig ist. Oft liegt es auch nicht im Fokus, da wir es jeden Tag geschenkt bekommen von der Sonne.

Das Mozarteum in Salzburg

Das Mozarteum in Salzburg

Ist Nachhaltigkeit ein Thema?

Ja, das ist ein großer Diskussionspunkt und ich bin sehr glücklich, dass es jetzt LEDs gibt, mit denen wir eine Fassade mit geringer Energie zart leuchten lassen ohne die Umwelt zu belasten. Ich plädiere dafür, dass man mit dem Leuchtdichteniveau der Städte radikal heruntergeht. Daran zu denken, dass kleine Vögel von ihrem Kurs gebracht werden und in Folge von Erschöpfung sterben durch die Überleuchtung der Städte ist furchtbar. Wir brauchen nicht so viel Licht verstreut in der Stadt, eher strukturiert und punktuell. In „light on demand“ sehe ich die Zukunft. Also in den Bereichen, in denen die Stadt während einer Zeitspanne frequentiert wird, gibt es einen programmierten Befehl und das Licht wird hochgedimmt. Ist diese Frequenz vorbei, werden die Leuchten auf ein bestimmte Prozentzahl herunter gedimmt.

Nachhaltigkeit ist auch in den Innenräumen sehr wichtig. Büroflurbeleuchtung muss z.B nicht andauernd an sein. Und ich versuche immer Bauherren und Architekten zu überzeugen mit Dimmungen u.a. bessere Stimmungen zu schaffen. Wir brauchen keine in jedem Winkel ausgeleuchteten Räume, sondern geben den Nutzern die Möglichkeit für sich selbst zu entscheiden, wie hell sie es am Arbeitsplatz haben wollen. Es muss besprochen werden, was entspricht der Norm, die muss auch vorgesehen werden. Davon abgesehen kann jeder Nutzer für seinen Bereich die Helligkeit so einregeln, dass er sich wohlfühlt.

Warum würden Sie Bauherren empfehlen die Dienste eins Lichtplaners in Anspruch zu nehmen?

Ein Privat- oder Geschäftshaus, das „ins rechte Licht gerückt ist“, in dem lässt sich inspiriert leben/arbeiten und es lässt sich gut weiterverkaufen. Es hinterlässt einen ganz anderen Eindruck, ist heiter und keine graue Maus. Auch die relativ niedrigen Energiewerte, die wir jetzt mit kluger LED-Planung erzielen können, geben die Möglichkeit mit vielen verschiedenen Lichtquellen zu arbeiten. Bei einem Hausverkauf gibt es verschiedene Wertigkeiten und Licht ist eine große Wertigkeit. Das ist wie ein frisch poliertes, gereinigtes Auto – das sieht viel wertiger aus als ein schmutziges mit Zigarettenkippen.

Beleuchtung einer Realschule

Beleuchtung einer Realschule

Wie schaut die Zusammenarbeit mit den Bauherren bei privatem Hausbau praktisch aus?

Wir bieten drei Stufen an. Erst gibt es ein Schnuppergespräch, bei dem sowohl Bauherr als auch Planer herausfinden können, ob sie gut miteinander kommunizieren können. Stimmt die Chemie, folgt ein zweistündiges Beratungsgespräch. Dann kann es sein, dass der Bauherr sagt: „Das ist wunderbar, jetzt kann ich selber weitermachen“ oder er sagt: „ich brauche nochmal zwei Stunden“, oder er sagt: „Nehmen Sie das doch in die Hand“ und das ist dann die dritte Stufe, dann begleiten wir das gesamte Projekt bis zur Fertigstellung.

Verraten Sie uns noch zum Abschluss: Was hat das Licht für eine Aufgabe?

Die Aufgabe des Lichts ist es, die Menschen zum Staunen zu bringen— das wird erst durch Licht möglich. Wir sind ja sehr auf das Sehen fokussiert — noch mehr als auf unser Hören und wenn ich etwa im Wald Streiflicht sehe, dann komme ich ins Staunen. Und ich sehe mich als diejenige an, die das Staunen fördert über die wunderschönen Dinge, die auf der Welt existieren.

Vielen Dank, Frau Allendorf!

Dieses Interview wurde Ihnen vom ArchitektenScout präsentiert. Wir liefern Ihnen übrigens nicht nur spannende Themen rund ums Thema Architektur, sondern vermitteln auch Architekten. Schicken Sie uns einfach eine kostenlose Anfrage und wir schlagen Ihnen Architekten in Ihrer Nähe vor. Und wenn Sie Architekt sind, dann schauen Sie sich unsere Partnermodelle an. Mitglied beim ArchitektenScout zu sein lohnt sich!

Kommentare

Von Arno Spiethoff Veröffentlicht 1. August 2015 22:24 Reply

Tolles Interview. Ich will in meinem neuen Haus auch viel LED nutzen. Ein Architekte von http://www.architekten.de hat mir die Firma Riba empfohlen. Kennt die jemand ? siehe http://www.ribag.com/ . Habe einige LED zu kaufen und jeder wirbt mit neuester LED Technologie. RIbag soll wohl besonders Leistungsstark sein. Freue mich auf Feedback gerne auch an

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