Industriearchitektur in Berlin

  • Von op
  • Veröffentlicht 18. Juli 2015
  • Tags
  • Kommentare 1
  • 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (2 Bewertungen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

Herausforderung Industriekomplex – Industriearchitektur im Wandel der Zeit

Die aufkeimende Industrialisierung änderte die bis dahin gekannten Produktionsverfahren grundlegend und erforderte schlagartig neue räumliche Dimensionen für die Produktionsstätten. Lösungen für Heiz-, Gas-, Wasser-, Kraft- und Hüttenwerke, technische Großbauten, wie Fördertürme, Hochöfen, Schornsteine, Silos und Tanks, die Rohstoffgewinnung, Forschung, Fertigung, Lagerhallen, Verwaltungs- und Sozialbauten lieferte die sich entwickelnde Industriearchitektur, die sich genauso wie die Industrialisierung von Großbritannien über Frankreich nach ganz Europa und in die USA ausbreitete.

Die Industriearchitektur hat entscheidend die städtebauliche Entwicklung beeinflusst, orientierte sich anfangs an bestehenden Bauwerken, wie Schlösser oder Kirchen, und war Ausdruck des Repräsentationsbedürfnisses einzelner Industrieller. Mit der Zeit erfolgte ein Umdenken und die Industriebauten wurden zunehmend den jeweiligen Arbeits- und Fertigungsabläufen angepasst.

Eine inspirierende Quelle für die Industriearchitektur war der Bauhausstil, mit dem neuartige Baumaterialien, wie Stahlbeton, die Skelettbauweise, vorgefertigte Bauteile und großzügige Glasflächen vollkommen neue Möglichkeiten auftaten. Damit wurde die Industriearchitektur zum Experimentierfeld moderner Ausdrucksformen.

Die Industriearchitektur in Berlin

Die Berliner Industriearchitektur ist ein herausragendes Beispiel. Hier wurde das Zeitalter der innovativen Industriearchitektureingeläutet. Denn dem unaufhaltsamen Fortschritt konnten nur neue Gebäudefunktionen und riesige Fabrikanlagen gerecht werden. Die Industriebauten waren fortan in Berlin prägend und zogen den Bau neuer Wohnquartiere nach sich. Berlin dehnte sich so in alle Richtungen aus und wurde zum größten Industriestandort Europas, was die Hauptstadt bis 1980 blieb.

In Berlin lässt sich sehr eindrucksvoll die Entwicklung der Industriearchitektur verfolgen – von ihren Anfängen (wie „Schinkels Neuer Packhof“), als der Auftraggeber maßgeblich an der ästhetischen Gestaltung beteiligt war und klassizistische, historistische und Jugendstilelemente herangezogen wurden, bis hin zur Ära der Aktiengesellschaften, deren funktionale Gebäude die wirtschaftlichen Verhältnisse widerspiegeln sollten. Zwar fehlte dafür zunächst noch die gesellschaftliche Zustimmung, aber die neuen Entwürfe ließen hervorragend erkennen, wie Bauwesen und wirtschaftliche Produktionsmethoden zu einer harmonischen Einheit verschmelzen können.

Die AEG-Werke in Berlin

BERLIN, GERMANY - AUGUST 07, 2009: The AEG Turbinenfabrik (Turbine Factory) is an early model modern factory designed in 1909 by Architect Peter Behrens

BERLIN, GERMANY – AUGUST 07, 2009: The AEG Turbinenfabrik (Turbine Factory) is an early model modern factory designed in 1909 by Architect Peter Behrens

Die Industriearchitektur in Berlin steht in engem Zusammenhang mit dem Aufstieg des Metall- und Maschinenbaus, der Chemie- und Elektroindustrie, wie mit der von Emil Rathenau gegründeten AEG. AEG beschäftigte mit Peter Behrens einen Architekten, der für Gebäudeentwurf und -planung, den unternehmerischen Gesamtauftritt und das Produktdesign verantwortlich war. Peter Behrens Hand ist am über einen Kilometer langen AEG-Werk (1915) in Berlin-Oberschöneweide, an der „Montagehalle für Großmaschinen“ mit Glasdach und am wohl bekanntesten Bauwerk, der „AEG-Turbinenfabrik“ (1909) in Berlin-Moabit, deutlich zu spüren.

Die seit 1956 unter Denkmalschutz stehende „AEG-Turbinenhalle“ ist das wichtigste Industriegebäude der Hauptstadt, gilt mit ihrer klaren Linienführung, der Skelettbauweise, langgestreckten, verglasten Straßenfront, ihren polygonalen Giebeln, schweren Betoneckteilen und sich regelmäßig wiederholenden Seitenstützen bis heute als wegweisend in derIndustriearchitektur und als typischer Vertreter des Funktionalismus. Stahl, Beton und Glas sind die bestimmenden Baustoffe des massiven Hallenbaus, womit den modernen Fertigungsmethoden Rechnung getragen wurde. Die Erweiterung von 1939 wurde ebenfalls auf die Turbinenproduktion ausgelegt und dient heute noch Siemens als Gasturbinenwerk.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägten Pfeilerfassaden die Berliner Industriearchitektur, die Peter Behrens bei der „Kleinmotorenfabrik“ mit monumentalen Halbrundpfeilern ausführte. Bei der „Montagehalle für Großmaschinen“ hingegen verzichtete er auf gliedernde Elemente, stattdessen gestaltete Behrens eine bündige Fassade aus Ziegeln, Glas und Stahl, was später die Neue Sachlichkeit aufgriff.

Die Anfänge der Industriearchitektur

Bei den „Borsigwerken“ lassen sich das Unternehmenswachstum und die Veränderungen in der Industriearchitektur unter reicher Verwendung von Schmuckelementen, wie Rundbögen und Pilaster, an einer über 30-jährigen regen Bautätigkeit von 1837 (erste Gießerei und Werkstatt) bis 1872 (Räderwerk) ablesen. Mit der „Schultheiss-Brauerei“ in Berlin-Moabit liegt ein Beispiel burgartiger Industriearchitektur, die das Stadtbild bis heute bestimmt, vor. Und die „Mälzerei Pankow“ gilt als die deutsche „Kathedrale der Industriearchitektur“, da die Schornsteine des kirchenartigen Bauwerks alles Umliegende überragten. Das ehemalige „Wasserwerk Friedrichshagen“ (1889 bis 1893) von Henry Gill in Berlin-Köpenick war einst das modernste Europas, wo die Funktionen räumlich streng getrennt, gruppiert und mit einer repräsentativen Schaufassade versehen wurden. Bemerkenswerte Industriebauten der Anfangsjahre sind außerdem die „Deutsche Niles-Werkzeugmaschinenfabrik“ in Berlin-Köpenick und das „Heizkraftwerk Moabit“ (1899 bis 1901).

Industriearchitektur nach der Jahrhundertwende

In der Nonnendammallee in Berlin-Spandau entstanden die Siemenswerke, die sich bis nach Berlin-Charlottenburg ausdehnen und einen eigenen Ortsteil, die Siemensstadt, bilden. Hieran lässt sich erkennen, wie stadtprägend dieIndustriearchitektur sein kann, für die hauptsächlich Karl Janisch und Hans Christoph Hertlein, der den „Siemens-Stil“ mit markanten Mehrgeschossbauten schuf, verantwortlich waren, denn das geographische Zentrum der Siemensstadt ist das Verwaltungsgebäude.

Der Klinkerbau des „Kraftwerks Klingenberg“ in Berlin-Lichtenberg war der bedeutendste deutsche Kraftwerksbau der 1920er-Jahre und seinerzeit das größte Elektrizitätswerk Europas mit vorbildlicher Organisation in sachlicher, zweckmäßiger Architektur, die dank ausdrucksstarker Details und verschiedener Mauerwerksverbände sehr lebendig wirkt und einen neuen Maßstab für Großkraftwerke setzte.

Hans Heinrich Müller entwarf eine Reihe von Berliner Umspannwerken. Das „Umspannwerk Wilhelmsruh“ (1925/26) weist als erstes expressionistische Architekturmerkmale auf, wobei jeder Funktion ein separates, dem Produktionsablauf entsprechendes Gebäude zugeordnet wurde.

Industriearchitektur im geteilten Berlin – Architekturwunder in Ostberlin

Die Industriearchitektur der Nachkriegszeit ist gekennzeichnet vom Wunsch nach Monumentalität und einem auffallenden Kontrast zwischen Fensterrastern und massiven Fassaden, angelehnt an den expressiven Baustil von Hans Heinrich Müller. Allmählich setzte sich aber ein modernes, westlich orientiertes Baukonzept durch. In dieser Umbruchzeit trat Egon Mahnkopf, ein bedeutender Industriearchitekt Ostberlins, erstmals als Hauptarchitekt auf. Mit dem Institut „Prüffeld für elektrische Hochleistungstechnik“ in Berlin-Friedrichsfelde setzte er das Entwurfskonzept mit gleichwertigen Funktionselementen souverän in mehreren Bauten um. In den 1960er-Jahren kamen neben Stahlbeton auch vorgefertigte, typisierte Wandelemente auf, die fortan so typisch für die DDR-Architektur waren und variationsreich eingebunden wurden.

Das imposanteste Werk Mahnkopfs in Zusammenarbeit mit Horst Stelzer ist der breite Stahlskelettbetonbau mit strenger Symmetrie der zwei, an den äußeren Seiten angeordneten Verdunstungshallen der Filterhalle des „Wasserwerks Berlin-Johannisthal“ (1965 bis 1967). Die Filterhalle zeigt, wie dem damaligen Trend zur Zusammenfassung der Bauteile folgend alle Funktionen praktisch in einem Gebäude vereint wurden. Bei der Rekonstruktion und Erweiterung des „Heizkraftwerks Klingenberg“ 1986 spiegelt sich die Tendenz der 1980er-Jahre, historische Architektur mit einfließen zu lassen, wider. So greifen Streifen rötlicher Fliesen die Klinkerfassade des Altbaus auf.

Moderne Industriearchitektur in Berlin

Das „EMR Industriegebäude“ mit individuellem ökologischem Konzept ist ein Bauprojekt für ein Hightechunternehmen, das HPLC-Säulen herstellt. Charakteristisch ist ein nicht ausgelastetes Grundstück, das eine Baureserve für den zukünftigen Expansionsbedarf darstellt. Wie sehr der Entwurf auf die Unternehmensabläufe eingeht, verdeutlichen die U-förmige innere Gebäudestruktur von industrieller Fertigung, Labor- und Verwaltungsflächen und die kreisförmige Anordnung von Anlieferung und Warenausgang. Ein transparenter Eingangsbereich, Erschließungsbrücken zwischen den Flügeln sowie ein vom Unternehmensprodukt inspirierter Lichthof sorgen für Spannungsmomente.

Kommentare

Von Julius Veröffentlicht 27. Februar 2017 16:25 Reply

Große Unternehmen brauchen ja immer neue Standorte um Konkurrenzfähig zu bleiben und um eben neue Kapazitäten/Technologien zu entwickeln. Seit dem Tesla ein Konkurrenz zu den großen Autobauern geworden ist, haben auch deutsche Autounternehmen begonnen den Industriebau deutlich anzutreiben, da auch sie vorhaben den Markt der ökologisch nachhaltigen Autos weiter voranzutreiben. Sie brauchen immer neue Standorte um Gigafactories zu bauen (also Batterieproduktion), Tesla ist auch in dieser Hinsicht ein Vorreiter.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Unsere Datenschutzerklärung findest Du hier. Dort kannst Du auch das Akzeptieren von Cookies widerrufen!

Schließen