Modulhäuser – besser als ihr Ruf?

  • Von Gina Doormann
  • Veröffentlicht 7. November 2015
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In der aktuellen Zeit wächst der Bedarf an schnell zu errichtenden, günstigen Wohnmöglichkeiten zusehends. Zahlreiche Menschen kommen zu uns und benötigen Unterkünfte. Daher wird weniger der Ruf nach anspruchsvoller Architektur laut als der nach praktischer. Die Zahlen sprechen für sich: Gemäß dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat sich die Anzahl der Asylanträge in Deutschland im Jahr 2015 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. Zieht man allein den Monat August 2015 heran, in dem 33.447 Erstanträge auf Asyl gestellt wurden, so zeigt sich zum August des Vorjahres eine Steigerung um 120,9 Prozent.

In den wärmeren Sommermonaten konnten Zelte noch als Notlösung dienen. Im Winter hingegen sind feste Unterkünfte zwingend erforderlich. Sofern Bauflächen hierfür gefunden werden, ist schnelles Handeln gefragt. Wohnraum, der ein Mindestmaß an Anforderungen erfüllt, lässt sich in kurzer Zeit mit Modulhäusern schaffen.

Was ist ein Modulhaus?

Das Denken an Modulhäuser ruft nach wie vor die Assoziation mit Übersee-Containern hervor. Diese sind zwar in der Tat Bestandteil für die ein- oder andere Variante eines modularen Heims. Dennoch werden – vor allem in der aktuellen Situation – zunehmend Stimmen laut, die betont Abstand fordern zu den Waren-Containern. Menschen, die eine Flucht hinter sich und den Verlust ihrer Heimat zu beklagen haben, wünschen sich neue Wurzeln anstatt einer Unterkunft, deren Bestimmungs- und Daseinszweck die Logistik und somit eine Form der Heimatlosigkeit ist.

Um die Definition eines Modulhauses als ein Zuhause zu betonen, sei hier die baukonstruktive Definition von Gerald Staib zitiert:

„Als Modul bezeichnet man zum einen das Grundmaß für ein geometrisches Ordnungssystem und zum anderen ein Element, das auf Grundlage eines Ordnungsprinzips in einem System positioniert wird, z. B. Stützen, Wandtafeln, Raumzellen.“ (Gerald Staib, Autor von „Elemente und Systeme“)

Modularität meint die Aufteilung eines Ganzen in Teile. Diese können Module, Bauelemente oder Komponenten genannt werden.

"Studentenboot Zwolle". Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

„Studentenboot Zwolle“. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Ein Modulhaus ist eine flexible Wohneinheit, die aus einzelnen vorgefertigten Bauelementen besteht. Da diese Bestandteile industriell vorgefertigt werden, sind sie kostengünstig, was eine herausragende Eigenschaft von Modulhäusern ist. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie nicht an einen Standort gebunden sind: Modulhäuser lassen sich abbauen und woanders wieder aufbauen. Sollte eine Weiterverwendung als Wohnung nicht gewünscht sein, lassen sich die verwendeten Materialien recyceln.

Was die Wenigsten wissen ist, dass Modulhäuser keine moderne Erfindung unserer Zeit sind. Leonardo Da Vinci baute bereits 1494 die „Casa mutabile„. Das Haus war vollständig vorgefertigt und wurde am Ufer des Flusses Tigris aufgestellt. Der Bundesverband Deutscher Fertigbau e. V.  verweist zudem darauf, dass Fachwerkhäuser ebenfalls als Vorläufer der heutigen Fertighäuser zu betrachten sind.

Beispiele für umgesetzten Modulbau

Was sich besonders in der aktuellen Situation mit zahlreichen nach Europa strömenden Menschen verdient macht, ist die kurze Bauzeit von Modulhäusern. Sie beläuft sich auf eine Dauer von wenigen Tagen bis zu durchschnittlich sechs Wochen. Je nach Anspruch und notwendigem Ausbau – beispielsweise Dämmung – kann der Bau maximal zwölf Wochen dauern. Im Vergleich zum Bau eines Massivhauses ist die Fertigungszeit also ausreichend gering, um auf den „Wohnraumbedarf über Nacht“ reagieren zu können.

Die mobilen Häuser sind nicht nur zeitnah erreichtet – sie können auch in kurzer Zeit erweitert werden. Viele Hersteller von Modulhäusern bieten die Erweiterungsmöglichkeiten an.
Algeco ist der Marktführer bei modularen Raumlösungen. Die Kehler Firma errichtete in Bremen beispielhafte Übergangswohnungen für Flüchtlinge – in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Feldschnieders & Kister. Dieses Beispiel zeigt, wie unerwartet groß der architektonische Spielraum von Modulbauten ist. Der Entwurf reflektiert die Ansprüche, die Zuflucht suchende Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen mitbringen.

Ansicht der Modulbauten in Bremen © Algeco

Ansicht der Modulbauten in Bremen © Algeco

So standen das Erschaffen von Privatsphäre und eines insgesamt geschützten Rahmens im Vordergrund. Halböffentlichkeit und Öffentlichkeit sind zugänglich, ohne die Privatsphäre der Bewohner zu verletzen. Die grüne Farbe der Module lässt die „Container-Assoziation“ in den Hintergrund treten und fügt sich angenehm in die ländliche Umgebung ein.

Plan des Übergangswohnheimes in Bremen © Algeco

Plan des Übergangswohnheimes in Bremen © Algeco

Zu dem Hersteller Algeco ist weiterhin zu sagen, dass er die Herausforderung der zeitkritischen Unterbringung von Flüchtlingen offensiv angeht, wie auf seiner Website zu lesen ist. Der Knappheit von Unterbringungsmöglichkeiten in Modulhäusern begegnet das Unternehmen mit Mietcontainern aus dem europäischen Ausland.

Der Wettbewerber KLEUSBERG tut es Algeco gleich in dem Bestreben, würdigen und angemessenen Wohnraum für ankommende Flüchtlinge zu schaffen. So errichtet das Unternehmen im Auftrag der Grundstücksverwaltung Essen zehn schlüsselfertige Modulbauten, die zum 01. Dezember 2015 bezogen werden sollen. Separate Unterbringungsmöglichkeiten für Frauen oder unbegleitete Kinder werden dort berücksichtigt.

Jenseits des Bedarfs: die architektonische Bandbreite von Modulhäusern

Modulbauten erfüllen neben zweckmäßigem Gebrauch auch architektonische Ansprüche. So ist das IBA Dock – zentraler Anlaufpunkt der Internationalen Bauausstellung 2013 in Hamburg – ein gelungenes Beispiel. Das in Modulbauweise aus Stahl errichtete schwimmende Gebäude ruht auf einem Beton-Ponton und ist ein echter Blickfang. Der vom Architekturbüro Han Slawik entworfene Bau ist nicht nur ästhetisch, sondern zudem klimaneutral: Es nutzt die Sonne sowie das Wasser der Elbe zur Energiegewinnung.

IBA Dock | CC | © Inet K.

IBA Dock | CC | © Inet K.

Nicht nur erfahrene Architekten setzen sich mit dem Thema modulares Bauen auseinander. Im Rahmen des Projekts SMART.BOX der HafenCity Universität in Hamburg setzten sich Architekturstudenten mit den Möglichkeiten von Modulbauten auseinander. Studierende zeichnet das unbefangene Herangehen aus, sodass beeindruckende Ergebnisse zustande kommen konnten.

Eines von Ihnen stammt von Anna Seum und Elisabeth Haentjes. Sie entwarfen ein inklusive Sockelgeschoss rund 30 Meter hohes Gebäude. Der achtgeschossige Bau birgt in einem massiven Betonriegel neben den notwendigen Treppenhäusern verschiedene, bewohnbare Container als Wohnelemente. Der Betonriegel dient zudem als Schallschutz gegen den Verkehrslärm der hinter dem Grundstück liegenden Hauptverkehrsader. Die Container bieten Raum für jeweils ein bis zwei Bewohner und liegen damit im demografischen Trend. Die Container sind – basierend auf einem Unikat – in sieben weiteren Variationen vorgesehen.

Studentischer Entwurf Modulares Wohnen| CC | © Anna Seum und Elisabeth Haentjes

Studentischer Entwurf Modulares Wohnen | © Anna Seum und Elisabeth Haentjes

Modulbauten sind mehr als zweckmäßig

Mit Modulelementen zu entwerfen ist nichts – vor allem in der heutigen Zeit – wofür ein Architekt sich verstecken müsste. Es ist keineswegs ein Leichtes, mit den vorgegebenen Elementen so zu planen, dass ein wohnenswertes Umfeld entsteht. Stammen die Aufträge aus öffentlicher Hand, so muss zudem mit knappen Budgets kalkuliert und unter Zeitdruck gearbeitet werden. Doch neben diesen in der Regel eher zweckmäßigen Unterkünften ist auch der spielerische Umgang mit den Wohnelementen nicht nur möglich, sondern sogar Urheber spannender Architektur. Module oder Container als Grundlage für Wohnumgebungen sind insgesamt deutlich besser als ihr Ruf.

von Gina Doormann

Kommentare

Von Mario Wilkens Veröffentlicht 25. Februar 2017 22:16 Reply

Toller Artikel. Ich denke, dass das Wohnen im Modulhaus auch unabhängig von den Flüchtlingsströmen derzeit einen Aufschwung erfahren. Das hat auch ökologische Gründe. Hinzu kommt der Wohnraummangel in den Ballungsgebieten

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